AUSSTELLUNG SALON MONDIAL

Editorial

Liebe Freunde der Medienkunst

Die Art Foundation Pax ist eine Schweizer Stiftung, die sich dem Zweck zur Förderung der Schweizer Medienkunst verschrieben hat. Seit 2018 erwerben wir jedes Jahr Werke der mit dem Pax Art Award ausgezeichneten Kunstschaffenden.

Endlich ist es so weit. Erstmals zeigen wir acht Werke unserer Sammlung im Atelier Mondial.

Unter der Kuratierung von Yulia Fisch eröffnet Echoes of the Present – Choose Your Reality einen Raum, in dem zeitgenössische Medienkunst als Resonanz unserer Gegenwart und der sie prägenden technologischen Welt erfahrbar wird. Die gezeigten Werke fungieren zugleich als Archiv des digitalen Zeitalters und als Perspektiven auf mögliche Zukünfte.

Ganz herzlich möchte ich mich beim HEK-Team und insbesondere bei Sabine Himmelsbach, Direktorin des HEK und Stiftungsrätin bei der Art Foundation Pax, bei Fausto De Lorenzo, Stiftungsrat der Art Foundation Pax, und bei Peter Kappler, CEO von Pax, für die grossartige Unterstützung der Art Foundation Pax bedanken. Ich freue mich sehr, sie als Partner an meiner Seite zu wissen.

Flanieren Sie durch die Ausstellung, lassen Sie sich von den Werken in den Bann ziehen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

Mit den besten Wünschen

Nicolas C. Bopp
Präsident Stiftungsrat Art Foundation Pax

Echoes of the Present.
Choose your reality

Medienkunst in einer durchcodierten Welt

Sammlung der Art Foundation Pax
Kuratiert von Yulia Fisch

Wie treffen wir unsere Entscheidungen, und was beeinflusst sie? Wie wirken sich digitale Systeme auf unsere Wahlfreiheit aus? Kann eine Sammlung Entscheidungsprozesse sichtbar machen?

Die erste Ausstellung der Sammlung der Art Foundation Pax zeigt zeitgenössische Medienkunst als Resonanzraum unserer Gegenwart und unserer Beziehung zur technologischen Welt. Die Werke erscheinen als Speicher eines digitalen Zeitalters – sie halten fest, was unsere Zeit prägt, und entwerfen zugleich Projektionen möglicher Zukünfte. Die Ausstellung wirft einen kritischen Blick auf das Verhältnis zwischen individueller Entscheidungsfreiheit und struktureller Steuerung durch Maschinenlogik.

In einer Realität, in der künstliche Intelligenz und Algorithmen mitentscheiden, was wir sehen, fühlen, kaufen oder glauben, rückt das Moment der Wahl selbst in den Mittelpunkt. Dieses Spannungsfeld wird als begehbares System inszeniert: Besucher:innen erleben die Ausstellung spielerisch und interaktiv anhand von Fragen, die sie selbst navigieren.

Echoes of the Present versteht Medienkunst als aktiven Bestandteil digitaler Kultur. Die Werke thematisieren Körperbilder im Wandel, maschinell erzeugte Identitäten, Überwachungstechnologien und spekulative Zukünfte. Die Ausstellung macht sichtbar, wie stark unsere Gegenwart bereits von automatisierten Entscheidungssystemen geprägt ist – und wie Sammlungen wie jene der Art Foundation Pax helfen können, diese Entwicklungen kritisch zu beleuchten, zu hinterfragen oder erfahrbar zu machen. Was bleibt, sind ein Echo der Gegenwart – in Bildern, in Codes und in Entscheidungen – und die Frage, wie viel von dem, was wir Realität nennen, wir tatsächlich selbst gewählt haben.

Ein binärer Entscheidungsbaum führt Sie durch die Ausstellung. Je nachdem, wie Sie sich entscheiden, werden Sie mit unterschiedlichen Werken und Themen konfrontiert. Jede Antwort öffnet einen neuen Pfad. Jede Wahl verändert den Zugang.

Vertraust du dem Internet?

YES

[ 1 ]

!Mediengruppe Bitnik

Ashley Madison Angels at Work, 2017

Five-channel video installation, sound, 11:23 min. loop

Die Installation Ashley Madison Angels at Work setzt sich mit dem Skandal um den kanadischen Online-Dating-Service Ashley Madison auseinander, der sich an verheiratete Personen richtet, die nach einer Affäre suchen. Durch ein Datenleck wurde bekannt, dass sich hinter vielen der weiblichen Profile über 75’000 Chatbots verbargen, die User in intime Gespräche verwickelten und eine Online-Beziehung vorgaukelten. Die Arbeit untersucht unsere Sehnsucht nach Intimität und Beziehungen sowie unser Vertrauen ins Internet – ein Vertrauen, das heute von Maschinen ausgenutzt und gesteuert sein kann.

Die Installation konfrontiert Besucher:innen mit Chatbots, die standortbezogen programmiert und präsentiert werden. Das Publikum wird von den digitalen Avataren mit verführerischen Fragen wie «U busy?» oder «What brings you here?» begrüsst und so in ein Gespräch gelockt. Unser Leben wird immer stärker von Chatbots begleitet, und es wird zunehmend schwieriger, sie von einem Menschen zu unterscheiden. Inwiefern wollen und können wir dem Internet vertrauen? Welche Geheimnisse könnten wir noch vor ihm verbergen?

The “Not-Media Group Bitnik” (as the name is pronounced), Carmen Weisskopf (Switzerland, *1976) and Domagoj Smoljo (Croatia, *1979), live and work in Berlin

NO

[ 2 ]

Félicien Goguey

Masquerade, 2015/2016

Software-based installation

Seit 2015 werden Überwachungssysteme zunehmend flächendeckend eingesetzt – bereits auf Ebene der Internetprovider, um den Datenverkehr zu lesen, zu sperren oder zu filtern. Dabei geht es nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Zensur. Mit der Entwicklung von KI hat die sogenannte «Deep Packet Inspection» eine neue Dimension erreicht: Sie kann heute sogar verschlüsselte Datenmuster, Videos und Bilder analysieren.

Félicien Goguey entwickelt ein digitales Instrument, das den allgegenwärtigen Auswirkungen der Massenkontrolle im Netz entgegentreten könnte. Kleine Geräte, sogenannte «masqs», werdenmit dem Internet verbunden und senden automatisch Nachrichten an andere «masqs». Jede Nachricht enthält Wortkombinationen, die Überwachungssysteme als alarmierend einstufen. Durch die grosse Anzahl solcher Nachrichten werden diese Systeme überlastet und verlieren ihre Effizienz.

Wie bewusst ist uns, dass wir im Netz keinen Schutz vor der Kontrolle unserer Chats, Nachrichten und Suchanfragen haben? Wie können wir uns dagegen wehren und so Widerstand gegen eine Massenüberwachung leisten? Sind wir bereit, eine kollektive Camouflage zu wählen?

Félicien Goguey (* 1992) lives and works in Geneva, Switzerland.

Glaubst du dem, was du siehst?

YES

[ 3 ]

Studer/van den Berg

Passage #5: Beeline, 2017

Interactive video installation

Passage #5: Beeline ist die fünfte Iteration einer interaktiven Videoinstallation, die unterschiedliche Ebenen von Realität und Wahrnehmung erforscht. «Beeline» bedeutet wörtlich «wie eine Biene fliegen» – den direkten Weg zwischen zwei Punkten. In der Natur jedoch fliegt eine Biene selten geradlinig: Ihr Weg ist verschlungen, sprunghaft und voller Abweichungen. Ähnlich verbindet auch unser Gedächtnis Fragmente aus Realität, Erinnerung und Vorstellung zu neuen Bildern und erschafft am Ende eher eine assoziative Landkarte im Kopf als eine exakte Abbildung der Wirklichkeit.

Die Videoinstallation führt Besucher:innen durch eine Abfolge imaginärer Orte, Objekte und Fotografien, die in Echtzeit gerendert und zusammengesetzt werden. Die Kamera folgt dabei einem programmierten Pfad, während sich das Publikum per Maus frei im virtuellen Raum umsehen kann. Mit einem Klick verändert sich die Beleuchtung: von einem engen Suchscheinwerferkegel, der Details isoliert, hin zu einer hell erleuchteten Szene.

Auch wenn die Szenerien oft surreal wirken, nehmen die Objekte Bezug auf reale Vorlagen. Die gezielte Mischung von realen und unvorhersehbaren Elementen wirft eine zentrale Frage auf: Wie sehr können wir unserer Wahrnehmung und unseren Erinnerungen an Orte oder Situationen vertrauen und dem glauben, was sich uns zeigt?

Monica Studer (*1960) and Christoph van den Berg (*1962) collaborate since 1996. They live and work in Basel, Switzerland.

NO

[ 4 ]

Chloé Delarue

TAFAA – Fertility Device (Nova Verta), 2019

Mixed-media installation

Das Werk Fertility Device (Nova Verta) gehört zu einer Serie von Skulpturen, in der Chloé Delarue Technologien und Natur eng miteinander verknüpft. Der Titel TAFAA – «Toward A Fully Automated Appearance» – entstammt einem Artikel über die vollständige Automatisierung des Aktienmarkts und deutet auf die Verschiebung von natürlichen Prozessen hin, die zunehmend durch digitale Systeme ersetzt oder simuliert werden. In der Skulptur verschmelzen organische Formen, Farnblätter oder Wabenmuster, mit Kabeln, Bildschirmen und technischen Strukturen. Diese Verbindung erinnert einerseits an die unauflösliche Beziehung zwischen Natur und Technologie, andererseits erscheinen die organischen Elemente nur noch als künstliche Abdrucke. Auf einem Bildschirm läuft in Endlosschleife ein computergeneriertes Video fallender Blätter, eine digitale Nachbildung eines natürlichen Vorgangs. Die Grenzen zwischen biologisch und künstlich verschwimmen, Natur wird virtuell, und ihre Auflösung geht nahtlos in ständige Regeneration über.

Mit dieser Simulation verweist Delarue auf das Versprechen technologischer Systeme hinsichtlich Autonomie, Automatisierung oder neuer Welten und hinterfragt zugleich, wie bewusst wir wahrnehmen, dass sich unsere Realität in endlose digitale Territorien verschiebt.

Chloé Delarue (*1986) lives and works in Geneva, Switzerland.

Gehört deine Wahl dir?

YES

[ 5 ]

Giulia Essyad

blueberry inflation.v1.2, 2021

Three lightboxes

In ihrer Werkserie blueberry inflation untersucht Giulia Essyad, wie stark unser heutiges Körperbild durch soziale Medien, gängige Schönheitsstandards und Konsumkultur geformt und kontrolliert wird. Die Künstlerin stellt die Frage, in welchem Mass wir selbst noch über unseren Körper bestimmen oder ob er längst durch ein global vernetztes, allgegenwärtiges Bildsystem gesteuert wird. Als visuelle Referenzen dienen ihr ikonische Filmszenen aus Willy Wonka’s «Chocolate Factory» oder «Avatar», in denen Körperveränderungen eine zentrale Rolle spielen. Die intensive blaue Farbgebung in Essyads Arbeiten verweist einerseits auf etwas Übernatürliches, Fremdes, zugleich erinnert sie an die blaue Farbe des Internets.

In der Installation blickt die Künstlerin auf drei grossformatigen Lightboxes direkt in die Kamera, als würde sie in einen Spiegel sehen, und hält dabei ihr Smartphone wie für ein Selfie. Mit diesem scheinbar banalen Klick verwandelt sich der Körper in ein digitales Objekt – eine Transformation, die in der gewählten Farbe auch als Symbol für den Versuch gelesen werden kann, sich die Kontrolle über den eigenen Körper und seine Darstellung zurückzuerobern. So stellt Essyad die grundlegende Frage: Gehört unser Körper tatsächlich noch uns selbst, oder ist unsere Wahlfreiheit längst von einer Schönheits- und Konsumgesellschaft unterwandert, die uns ihre Standards aufdrängt?

Giulia Essyad (*1992) lives and works in Geneva, Switzerland.

NO

[ 6 ]

UBERMORGEN

Vote-Auction – CNN – Burden of Proof, 2000

Video, 27:08 min.

Das Künstlerduo UBERMORGEN sorgte im Jahr 2000 während des US-Präsidentschaftswahlkampfs zwischen Al Gore und George W. Bush mit der Online-Performance Vote-Auction für internationale Schlagzeilen. Über die eigens entwickelte Website vote-auction.com wurde angeblich angeboten, Wahlstimmen gegen den Höchstpreis zu verkaufen. Die Arbeit inszenierte damit die radikale Frage: Was ist unsere Stimme wert – und gehört sie tatsächlich uns, oder ist sie längst ein Handelbares Gut? Dieses provokante Experiment stellte die enge Verflechtung von Demokratie und Kapitalismus bloss und thematisierte die Grenzen politischer Integrität. Mehrere US-Bundesstaaten, darunter Missouri, Wisconsin, Kalifornien und New York, verhängten Verbote gegen die Website, und es kam zu strafrechtlichen Verfahren. Das Video ist die Dokumentation eines Fernsehbeitrags von CNN, der zeigt, wie heftig die öffentliche Debatte damals geführt wurde.

Rückblickend wirkt das Projekt fast prophetisch: Heute üben finanzstarke Interessengruppen und Lobbyorganisationen in vielen Ländern einen enormen Einfluss auf politische Entscheidungen aus – oftmals legal, aber in ihrem Effekt der ursprünglichen Vote-Auction-Idee erschreckend ähnlich. Die Arbeit fordert uns damit auf, erneut zu fragen: Sind unsere Stimme und unsere Wahl wirklich frei, oder werden sie von finanziellen und politischen Kräften manipuliert?

The artist duo UBERMORGEN, Maria Haas a.k.a. lizvlx (*1973) and Hans Bernhard (*1971), was founded in 1995. They live and work in Vienna.

Willst du gesehen werden?

YES

[ 7 ]

Marc Lee

Swiss Unfiltered – TikTok and the Emerging Face of Culture, 2020

Net-based installation

Mit seiner immersiven Installation Swiss Unfiltered – TikTok and the Emerging Face of Culture erforscht Marc Lee die Dynamik sozialer Medien und deren Einfluss auf kulturelle Ausdrucksformen. Er nimmt dabei TikTok als Beispiel für eine Plattform, die traditionelle Medienkanäle und ihre hierarchischen Strukturen durchbricht: Jeder kann eine Botschaft veröffentlichen, Sichtbarkeit erlangen und mitgestalten, welche Themen Aufmerksamkeit erhalten.

Für jeden Ausstellungsort verknüpft das Werk in Echtzeit lokale TikTok-Beiträge, Hashtags und Profile zu einer lebendigen, sich ständig verändernden Bilderflut. Dadurch entsteht eine unmittelbare Momentaufnahme dessen, was Menschen in einer bestimmten Region bewegt – von alltäglichen Beobachtungen bis hin zu gesellschaftspolitischen Ereignissen.

Die Arbeit stellt damit nicht nur dar, wie digitale Inhalte entstehen und zirkulieren, sondern konfrontiert uns mit der Frage: Was bedeutet es heute, gesehen und gehört zu werden, und wer bestimmt letztlich, welche Stimmen im globalen Strom der Bilder Bestand haben?

Marc Lee (*1969) lives and works near Zurich.

NO

[ 8 ]

Jennifer Merlyn Scherler

so sad so sexy, 2021

18:45 min., mixed-media installation

In so sad so sexy verwebt Jennifer Merlyn Scherler Video, Textil und Performance zu einer Erzählung über Selbstinszenierung im digitalen Raum. Ausgehend von Fan-Fiction – einem kollektiven, oft anonymen Schreib- und Imaginationsraum – erkundet die Arbeit, wie Identitäten entstehen, ausprobiert und verwandelt werden. Scherler tritt im Video in mehreren Rollen auf und verändert den Blick zwischen Nähe und Distanz, Verletzlichkeit und Selbstbehauptung. Die weichen, körpernahen Textilien, die im Raum zu sehen sind, bilden dabei eine tastbare Gegenwelt zur kühlen Logik des Screens: Intimität wird sichtbar und zugleich weich gepolstert.

So wird der digitale Raum zu einem Labor für Identitätsexperimente. In ihm spiegelt sich die Dualität von «sexy» und «sad», von Sexualität und Melancholie. Er eröffnet die Möglichkeit, sich zugleich sehen zu lassen und sich zu verbergen – ein Spiel zwischen Sichtbarkeit und Rückzug, in dem Selbstinszenierung zum Schutzmechanismus und zur Befreiung werden kann. Was bedeutet es heute, sich sichtbar zu machen, ohne sich auszuliefern? Und wie kann Gemeinschaft zugleich Schutzraum und Bühne sein?

Jennifer Merlyn Scherler (*1996) lives and works in Basel.