Preisträger:innen

Yves Netzhammer

Yves Netzhammer, Reise der Schatten, 2024, Filmstill

Yves Netzhammer transformiert Räume mittels digitaler Zeichnungen, Videoinstallationen und präzise gesetzter Linien. Mit einer zweckentfremdeten ArchitekturSoftware entwirft er modulare, begehbare Bildwelten, in denen reale und virtuelle Ebenen ineinandergreifen. Ausgangspunkt seines Schaffens ist die unendliche Möglichkeit der Linie, aus der Formen, Figuren und ganze Systeme hervorgehen. In diesen modellierbaren Räumen untersucht er die Beziehungen zwischen menschlichen und nicht menschlichen Akteuren sowie das Spannungsfeld von Natur, Technologie und Mensch. Die digitale Linie fungiert als Vermittlerin zwischen körperlicher und virtueller Realität, zwischen inneren und äusseren Welten.

Ende der 1990er-Jahre entwickelte Netzhammer eine eigenständige, wiedererkennbare Ästhetik mit stilisierten, nicht naturalistischen Formen und modellhaften Figuren in referenzlosen Bildräumen. Früh prägte er die künstlerische Auseinandersetzung mit digitalen Bildern in der Schweiz und überführte Impulse aus Surrealismus und Konstruktivismus in eine zeitgenössische, virtuelle Dimension.

Netzhammer verwandelt Räume in immersive, vielschichtige Umgebungen, in denen Medien, Architektur und Klang zu einem eigenständigen Kosmos verschmelzen. Seit Mitte der 2000er-Jahre überführt er seine Animationen in raumgreifende Installationen, die den Ausstellungsraum als integralen Bestandteil der Arbeit begreifen. 2007 transformierte er den Schweizer Pavillon der 52. Biennale von Venedig in ein begehbares Zeichnungs-Environment. In der Installation ‹Zwei kühle Zwergelefanten fressen Einfühlungsüberschuss mit Pfirsicharoma› (2022) dehnt er seine digitale Linie in den physischen Raum aus. Mithilfe von LED-Rotoren verdichten sich die projizierten Linien zu hybriden Geschöpfen, die zwischen Mensch, Tier und Pflanze oszillieren. Mit dem Langspielfilm ‹Reise der Schatten› erschloss er 2024 erstmals den Immersionsraum Kino und reflektiert darin mit einer eigenständigen 3D-Animationstechnik die wechselseitige Bedingtheit von menschlichen und nicht menschlichen Wesen im Kreislauf von Werden und Vergehen.

Angesichts fortschreitender Digitalisierung und künstlicher Intelligenz gewinnen seine Arbeiten an Aktualität. Sie befragen das Wesen des Menschen im Geflecht technologischer Systeme. Für seine konsequente Entwicklung einer eigenständigen digitalen Bildsprache und seine Pionierrolle in der Schweizer Medienkunst wird Yves Netzhammer 2026 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

Preise und Werkbeiträge

BEN Hauptpreis der B3 Biennale des bewegten Bildes, 2015, Frankfurt am Main | Kunstpreis des Kantons Zürich, 2003, Zürich | Prix Mobilière, 2002

Ausgewählte Ausstellungen und Festivals

Haus Konstruktiv, Zürich | Kunst Museum Winterthur, Winterthur | MONA – Museum of Old and New Art, Hobart (Tasmania) | Kunstmuseum Bern, Bern | Palazzo Strozzi, Florence | SFMOMA, San Francisco | 52nd Venice Biennale, Venice | Museum Rietberg, Zürich | KW Institute for Contemporary Art, Berlin | Kyiv Biennale, Kyiv | National Art Museum of China, Beijing | Liverpool Biennial, Liverpool | Moscow Biennale of Contemporary Art, Moscow | ZKM, Karlsruhe

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Daniela Brugger

Due to technical problems, 2023, Videostill

Daniela Brugger widmet ihre künstlerische Praxis kollektiven Handlungsräumen, in denen Technologien gemeinsam untersucht und angeeignet werden. Sie zeigt, dass digitale Systeme nicht neutral, sondern mit globalen Produktionsketten, Machtstrukturen, Ausbeutung und ökologischen Folgen verflochten sind. Indem sie ihre Brüchigkeit und Materialität sichtbar macht, verschiebt sie den Blick auf das Digitale: als veränderbares Gefüge aus menschlichen und nicht menschlichen Akteuren – und als Raum für Selbstermächtigung und kollektive Gestaltung.

Seit 2024 steht das Forschungsprojekt ‹Muddy Codes & Soft Infrastructures› im Zentrum ihrer Arbeit. Ausgangspunkt waren Künstlerresidenzen in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) und Delhi (Indien) – Orte, an denen sich die globalen Verwerfungen technokolonial geprägter Produktionsstrukturen besonders deutlich zeigen. Dort untersuchte Brugger verborgene Aspekte digitaler Technologien: unsichtbare Arbeit – sowohl menschliche als auch nicht menschlichen –, ökologische Folgen, koloniale Machtgefälle und komplexe Rohstoffkreisläufe. Das Projekt verdichtet sich zu einer vielschichtigen Sammlung aus Recherchen, Begegnungen mit direkt Beteiligten und vor Ort gefundenen Materialien. Diese übersetzt sie in Installationen mit variablen Elementen wie Videos, Flash-Fiction-Texten, Elektronikschrott, Glasplatten, Bildschirmen und Kabeln. Ergänzt wird der Werkkomplex durch die öffentliche Veranstaltungsreihe ‹Portals›. In Vorträgen, Workshops, Lesungen und Filmvorführungen bringt Brugger Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, um kritische Perspektiven auf digitale Technologien zu diskutieren. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse fliessen unmittelbar in ihre künstlerische Praxis zurück.

Bereits die 2022 entstandene Videoinstallation ‹Something invisible does not necessarily describe something absent› thematisierte das Verschmelzen des menschlichen Körpers mit dem Digitalen. In der Verschränkung dieser Arbeiten werden zentrale Anliegen ihrer Praxis sichtbar: Digitale Technologien erscheinen als partizipative, reparierbare Konstrukte. Als Mitinitiantin von Netzwerken wie «Who writes his_tory?» und «revisiting cyberfeminism» engagiert sich Brugger für intersektionale Wissensproduktion und solidarische digitale Räume.

Für Daniela Brugger ist Technologie nicht sauber, abgegrenzt oder immateriell, sondern «muddy» (schlammig) – durchdringend und vielschichtig, verbunden mit Fragen von Ausbeutung, Erinnerung und Fürsorge. Aus dieser Haltung heraus entwickelt sie überzeugende installative Untersuchungen, die neue soziale Werte digitaler Systeme entwerfen.

Preise und Werkbeiträge

Werkbeitrag Kunstkredit Basel Stadt | Basler Kulturförderpreis

Ausgewählte Ausstellungen und Festivals

Museum Tinguely, Basel | Kornhausforum, Bern | Khoj Studios, New Delhi | Kunsthalle Basel, Basel | HEK – House of Electronic Arts, Basel | Kunsthaus Langenthal, Langenthal | Ausstellungsraum Klingental, Basel | Kunstraum Niederoesterreich, Vienna | Kunsthall Oslo, Oslo | Scala, London | Keleketla! Library, Johannesburg | V2_ Lab for the Unstable Media, Rotterdam | Printed Matter, New York | Kunstverein Freiburg, Freiburg im Breisgau | Kunstraum Baden, Baden | Kunsthalle Tropical, Iceland

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Tamara Janes

Tamara Janes, Copyright Swap, 2023, Printscreen

Tamara Janes widmet ihre künstlerische Praxis den Bedingungen digitaler Bilder und den Transformationen einer postfotografischen Gegenwart. Ausgangspunkt sind Screenshots, digitale Fragmente, Archivmaterial und visuelle Überreste aus dem Internet. Durch Reproduktion, Aneignung und algorithmische Bearbeitung untersucht sie, wie Bilder heute erzeugt, verbreitet und umgedeutet werden und wie sich Autorschaft im Zeitalter künstlicher Intelligenz neu definiert.

Für ihre Arbeit ‹Still Loading, Selbstportrait› aus dem Jahr 2016 unterbrach sie etwa das Downloaden eigener Porträts aus dem Netz, bevor die Bilder endgültig hochgeladen waren, und machte Screenshots. Diese scheinbar leeren, mono chromen Zwischenzustände druckte sie auf Stoff und installierte sie im Raum.

In der Werkgruppe ‹New York Public Library Picture Collection› kombiniert Janes recherchierte Archivfotografien – darunter Arbeiten von Martin Parr, Robert Frank oder Max Ernst – mit animierten GIFs und digitalen Eingriffen. Mit subtilem, teils bissigem Humor verschiebt sie Bedeutungsebenen: Eine doppelköpfige Schlange wird mit dem Slogan «Best Friends» versehen, eine ikonische Aufnahme mit einem gezeichneten Teufel ergänzt.

In ‹Copyright Swap› lotet sie die juristischen und ästhetischen Grauzonen des Urheberrechts aus, indem sie bestehendes Material minimal verändert und an den «urheberrechtlichen Kipppunkt» führt. ‹Unify Space Between› nutzt künstliche Intelligenz, um aus Fotografien von Tamara Janes und Natalia Funariu Gesten von Nähe und Intimität zu generieren. Die Arbeit zeigt, wie algorithmische Systeme menschliche Beziehungen simulieren, normieren und begrenzen.

Janes versteht ihre Arbeit als kritische Auseinandersetzung mit einem foto grafischen Verhalten, das zunehmend von Technologie und Algorithmen geprägt ist. Bilder werden permanent konsumiert, optimiert und in immer höhere Auflösung gesteigert. Diese Entwicklung bildet zugleich Inhalt und Reibungsfläche ihrer Praxis. Die Jury der Pax Art Awards würdigt Tamara Janes für ihre präzise, zugleich spielerische und hochaktuelle Reflexion digitaler Bildkultur und der Mechanismen des zeitgenössischen Bildkonsums.

Preise und Werkbeiträge

Swiss Design Awards, Preisträgerin in der Kategorie Fotografie | 1st prize, 18th vfg Young Talent Award | Unseen Dummy Award, Amsterdam

Ausgewählte Ausstellungen und Festivals

Photo Elysée, Lausanne | Boccanera Project Room, Trento | Bieler Fototage, Espace Libre, Biel/Bienne | Kunstmuseum St. Gallen, St. Gallen | Kunsthaus Langenthal, Langenthal | Kunsthaus Pasquart, Biel/Bienne | Musée jurassien des Arts, Moutier | HEK – House of Electronic Arts, Basel | Kunsthaus Glarus, Glarus | Kunstmuseum Thun, Thun | Fotomuseum Winterthur, Winterthur | Youth Art Biennale, Franzensfeste, South Tyrol | Boccanera Gallery, Trient | Getxophoto Photofestival, Bilbao

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